Die Diskussion um die blockierte Abschiebung reißt nicht ab. Heute wurde ein Interview mit dem SDS Hildesheim im „Kehrwieder“ gedruckt, das mit einer Auflage von 137.000 Exemplaren zu den einflussreichsten Printmedien im Raum Hildesheim gehört.
Von Kilian Schwartz (Kehrwieder am Sonntag 09.08.2015)
Hildesheim. Spontis, Gutmenschen, eitle Gockel: Mirco Weiß, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes, hat in einer Pressemitteilung vom Dienstag an den Teilnehmern einer Sitzblockade kein gutes Haar gelassen. Die Aktivisten hatten sich am Montag vor einer Hildesheimer Flüchtlingsunterkunft versammelt, um die Abschiebung eines Irakers nach Frankreich zu verhindern. „Sich vermummt vor ein Gebäude setzen kann jeder. Anspruchsvoll wird es dann, wenn es um langfristige Integration von Flüchtlingen geht“, so der CDU-Vize. Die Protestler sollten sich lieber in anderer Form engagieren, mit den Flüchtlingen „Sport treiben, Schach spielen, ihnen Deutsch beibringen oder sie anderweitig betreuen und unterhalten“. Er sei zwar für humanitäre Lösungen im Umgang mit Flüchtlingen und befürworte als Instrument der genaueren Überprüfung auch das Kirchenasyl. Sitzblockaden und Dialogverweigerung mit den Behörden seien hingegen nicht zielführend, sondern unreif, so Weiß. Unterstützung bekommt er von der Jungen Union Hildesheim-Stadt (JU). Die zeigt sich „fassungslos“ angesichts der wiederholten Blockaden und führt als lobenswertes Beispiel das Engagement in der Initiative „Pangea“ an, die sich um die Unterstützung der Flüchtlinge im Wohnheim in der Senkingstraße kümmert. „Vielleicht sollten sich die anarchistischen Spontis enger mit ihren lösungsorientierten Kommilitonen austauschen“, stichelt JU-Vorstandsvorsitzende Julia Katerkamp. Diese harsche Kritik an den Blockierern schlägt nun auf Weiß und die JU zurück. Grünen-Fraktionschef Ulrich Räbiger meint in Weiß‘ Äußerungen lediglich einen empörten Rundumschlag gegen Andersdenkende zu sehen – was er damit aber genau bezwecke, bleibt laut dem Grünen-Chef offen. Es gehe dem CDU-Mann eher darum, einmal mehr das rechte Spielfeld zu bedienen und Öl aufs Feuer zu gießen. „Ein wenig mehr Vorüberlegungen und weniger Schielen auf den rechten Pegida- Wählerrand wäre einer sachlichen Diskussion dienlicher gewesen“, ist sich Räbiger sicher. Entsetzt über Weiß‘ Wortwahl ist auch Hans, einer der Teilnehmer der Sitzblockaden, der im Gespräch mit dem KEHRWIEDER anonym bleiben möchte. Das Mitglied des Sozialistisch- demokratischen Studierendenverbands Hildesheim (SDS) sieht in den Äußerungen Weiß‘ vor allem eine Kriminalisierung der Unterstützer. „Niemand von uns möchte Probleme mit der Polizei haben. Wir gehen das Risiko aber ein, das ist es uns wert“, so der Aktivist. Den Vorwurf der JU, man solle sich lieber anderweitig engagieren, nehme man im SDS mit Humor. Zum einen seien viele Teilnehmer der Sitzblockade selbst bei „Pangea“ engagiert. Zum anderen liege das Problem vor allem in den ökonomischen Bedingungen: Es dürfe erst gar nicht zu einer Abschiebung kommen. Auf die Äußerung Weiß‘, das Kirchenasyl biete eine adäquate Lösung für die gängige Abschiebepraxis, findet Hans deutliche Worte: „Flüchtlinge ins Kirchenasyl zu verfrachten bedeutet für die betreffende Person, jegliche grundlegenden Menschenrechte aufzugeben. Das ist kein versteckter, sondern ein offener Rassismus“. Allerdings könne man dem CDU-Politiker für seine Worte fast ein Stück weit dankbar sein, gibt der Aktivist zu bedenken. Denn es mache deutlich, dass man eine Kampagne wie „Europa schottet sich ab“ jetzt guten Gewissens auf den Weg bringen könne. In dieser plant der SDS verstärkt auf die europäische Abschottungspolitik aufmerksam zu machen. Dessen Kernproblem bestehe vor allem darin, dass soziale Probleme umgemünzt werden in Probleme zwischen bestimmten Personengruppen, so Hans.
Die gesamte Ausgabe findet ihr hier: http://www.kehrwieder-verlag.de/epages/20150809.pdf









